Spenden und Helfen

Publikationen im SkF

Positionspapier Straffälligenhilfe des SkF


I. Einleitung

Der Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) ist ein Frauen- und Fachverband in der  katholischen Kirche, der sich seit mehr als 100 Jahren der Hilfe für Kinder, Jugendliche, Frauen und ihre Familien in besonderen Lebenslagen widmet.
Der Verein beruht auf den Prinzipien der Ehrenamtlichkeit und des Zusammenwirkens von ehrenamtlich und beruflich Tätigen.
Der SkF erfüllt seine laienapostolische Aufgabe in Kirche, Staat und Gesellschaft im Sinne christlicher Caritas als Wesens- und Lebensäußerung der katholischen Kirche. Eine seiner originären Aufgaben ist die Gefährdetenhilfe.

Straffällig gewordene Menschen gehören in unserer Gesellschaft zu einer Randgruppe, die häufig ausgegrenzt oder ignoriert wird, zumal ihr eigenes Verschulden an ihrer Situation gesehen wird. Wir machen die Position unseres beruflichen Handelns in der Arbeit mit straffällig gewordenen Frauen dadurch deutlich, dass wir den Fokus auf das Delikt, die Person, die straffällig geworden ist, und auf ihr familiäres und gesellschaftliches / soziales Umfeld / Beziehungsgeflecht systemisch erweitern.

Aus unserem christlichen Selbstverständnis heraus dient der Dienst am Nächsten der Versöhnung und wirkt der Ausgrenzung schwacher und benachteiligter Menschen entgegen.


II. Problemlagen

Kriminalitätsstruktur, Lebenslagen

Die  Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) zeigt deutliche Unterschiede zwischen registrierten weiblichen und männlichen Tatverdächtigen. Es werden durchschnittlich dreimal so viele Männer als Tatverdächtige ermittelt wie Frauen. Obwohl die PKS nur eine Auskunft über das Hellfeld (= gemeldete Straftaten)  ermöglicht, kann von einem konstant niedrigeren Anteil an registrierter Frauenkriminalität und einer typisch weiblichen Deliktstruktur ausgegangen werden. ”Ihre Beteiligung bei Eigentums- und Vermögensdelikten sowie an Delikten gegen das Betäubungsmittelgesetz ist höher als bei Männern. Bei Gewalt- und Tötungsdelikten sind Frauen dagegen deutlich unterrepräsentiert (93 % der inhaftierten Frauen weisen keine besondere Gefährlichkeit auf. Sofern eine Frau wegen eines Gewaltdeliktes verurteilt wird, richtet sich dieses vornehmlich gegen ihre Beziehungspartner, nach oft jahrelang erlittener Gewalt.
Straffälligkeit von Frauen muss sehr häufig im Kontext problematischer Beziehungen gesehen werden.)” (1)

Sowohl in der Praxis als auch in der Forschung wird immer wieder festgestellt, dass straffällig gewordene Frauen “häufig gewalttätige Väter und Partner hatten, die ihre Familie schlecht oder gar nicht versorgt und ihre Frauen und Töchter oftmals sexuell missbraucht haben. Sie haben ihre eigenen schwachen, gedemütigten, abhängigen Mütter erlebt und sich selbst wiederum Männern unterworfen”. (2)

Altersstruktur

Inhaftierte Frauen sind durchschnittlich älter als inhaftierte Männer. (3) Auf dieses Phänomen stieß Dünkel bei einer Untersuchung. Aus der Praxis der Straffälligenhilfe des SkF fallen in diesem Zusammenhang große Integrationsprobleme speziell mit älteren Frauen auf. Mehr als die Hälfte der Haftentlassenen ist auf sich allein gestellt. Ihre materielle Situation ist durch Haft, fehlende schulische und berufliche Ausbildung bedingt. Die Änderung dieser wird mit zunehmendem Alter immer schwieriger. Auch durch die weibliche Sozialisation haben diese Frauen es oft nicht gelernt Selbstwertgefühl aufzubauen, ihr Leben aktiv und selbstverantwortlich zu gestalten und sich gegen Missachtung ihrer Wünsche und Bedürfnisse zur Wehr zu setzten. Deswegen gleiten viele in die Isolation oder in ein subkulturelles Milieu ab.

Ausbildungs- und Arbeitssituation

Aus Untersuchungen von Dünkel geht hervor (4), dass Frauen zwar etwas höhere Schulabschlüsse als inhaftierte Männer besitzen, aber mehr als zwei Drittel über keine abgeschlossene Berufsausbildung verfügen. Zu der für Menschen ohne Berufsausbildung immer schwieriger werdenden beruflichen Perspektiven kommt für dieses Klientel das Stigma der Vorbestrafung hinzu. Da die Inhaftierung der Frauen durchschnittlich etwa neun Monate beträgt (5), ist auch eine Berufsausbildung bzw. ein Berufsabschluss während der Haftdauer selten möglich.

Von den Praktikerinnen des SkF, die die Arbeit vor Ort in JVAs leisten, wird immer wieder daraufhin gewiesen, dass das Spektrum der Ausbildungsangebote für weibliche Inhaftierte sehr begrenzt und wenig am Arbeitsmarkt orientiert ist. Viele der dort zu erlernenden Berufe bieten wenig Zukunftsperspektiven und sind aufgrund der Höhe der zu erwartenden Bezahlung für eine selbständige Lebensführung nicht geeignet. Diese Kritikpunkte werden von den Justizministerien zwar zur Kenntnis genommen, aber immer wieder mit dem Hinweis auf die geringe Anzahl der weiblichen Inhaftierten und die kurze Verweildauer verworfen.

Weiterhin erschweren Suchtprobleme die Wiedereingliederung auf dem Arbeitsmarkt. Häufig können die Frauen nicht einmal mehr auf dem “zweiten” Arbeitsmarkt vermittelt werden. (6)

Wohnungslosigkeit

Durch die Inhaftierung kommt es häufig zum Wohnungsverlust. Wegen ihres Erscheinungsbildes, ihrer Suchtproblematik und ihres oftmals nicht den Vorstellungen entsprechenden Auftretens finden Frauen nach der Inhaftierung oft keine Wohnung.
Deshalb suchen sie Unterschlupf bei mehr oder weniger guten Freunden bzw. Bekannten. Aufgrund dieser “privaten Lösung” haben sie kaum Zugang zu Hilfesystemen nach § 72 BSHG und der VO zu § 72 BSHG, da diese die “Lebensverhältnisse und Bewältigungsversuche von wohnungslosen Frauen” kaum erfassen. (7)

Obwohl man in Fachkreisen davon ausgeht, dass ein Fünftel der Wohnungslosen Frauen sind, wird deren Wohnungslosigkeit in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen. Nur ein Bruchteil der Frauen lebt tatsächlich auf der Straße, viele von ihnen finden temporäre Unterkünfte oder sind gezwungen prostitutionsähnliche Verhältnisse einzugehen und sind häufig männlicher Gewalt ausgesetzt. (8)

Die Erfahrungen aus der Praxis zeigen, dass es für sehr viele Frauen schwierig ist, von Hilfeangeboten, die für Frauen und Männer eingerichtet wurden, Gebrauch zu machen. Aus seiner Tradition heraus hat der SkF geschlechtsspezifische Wohnungsmöglichkeiten angeboten. Die gegenwärtige Entwicklung und die Praxiserfahrungen haben gezeigt, dass in dieser Richtung wieder vermehrt Handlungsbedarf besteht und Fraueneinrichtungen wieder an Aktualität gewonnen haben. (9)

Suchtproblematik
 
Aufgrund der weiterhin unterschiedlichen Sozialisation gibt es auch geschlechtsspezifische Unterschiede im Suchtverhalten. Mädchen und Frauen lernen noch immer sich anzupassen und scheuen Auseinandersetzungen.

Die Suchtmittelabhängigkeit von Frauen bleibt sehr lange unentdeckt, da bis zu ¾ der Abhängigen ihre Suchtmittel ganz legal vom Arzt verschrieben bekommen. Im Gegensatz dazu steht “... die sichtbare Form von Abhängigkeit von illegalen Drogen, bedingt durch Strafverfolgung, hohe Beschaffungskosten und damit verbundene Kriminalität und Prostitution. Mittlerweile gehen wir davon aus, dass die Hälfte der Drogenabhängigen Frauen sind. Sie haben überaus häufig in ihrer Kindheit Gewalt, meist sexuelle, erfahren und erleben diese wieder in der Drogenszene. Drogenabhängige Frauen haben zum großen Teil erhebliche gesundheitliche Einschränkungen durch Hepatitis und / oder HIV-Infektion.” (10)


III. Frauenstrafvollzug

Laut Bundesarbeitsgemeinschaft Straffälligenhilfe (BAG - S) gibt es bundesweit nur fünf eigenständige Frauenhaftanstalten. (11) Folglich wird der weit überwiegende Teil der Frauen in Abteilungen des Männer- strafvollzugs untergebracht. Die personelle Konzeption sowie der Sicherheitsstandard richtet sich somit nach dem Regelvollzug der Männer und so erfahren Frauen im Strafvollzug ganz erhebliche Benachteiligungen. Aufgrund der geringen Anzahl inhaftierter Frauen ist eine dezentrale, nach Alter und Delikt differenzierte Unterbringung von Frauen im Vollzug nicht möglich. (12) Dies ist ein Verstoß gegen den Gleichheitsgrundsatz, denn für Frauen sieht  das Strafvollzugsgesetz nur Sonderregelungen im Hinblick auf Schwangerschaft und Mutterschaft vor.

“Ein zusätzlich belastendes Moment ist für Frauen im Vollzug das stärkere Erleben der Haftsituation. Einschneidender sind auch die Auswirkungen auf sie selbst und ihr soziales Umfeld. Straffällige Frauen werden häufiger als Männer von ihrer eigenen sowie auch der Ursprungsfamilie fallengelassen - die Kontakte brechen ab. Sie können sich seltener auf die Solidarität ihres Partners verlassen als männliche Inhaftierte. Tragfähige soziale Beziehungen nach außen, die bis zum Ende der Haftzeit halten, die diese leichter durchstehen ließen, sind selten.” (13) Erschwerend kommt hinzu, dass es durch zentrale Unterbringungen für viele Angehörigen schwierig oder unmöglich ist, die Zeit und / oder die finanziellen Mittel aufzuwenden, um soziale Kontakte aufrecht zu halten. Da es sich häufig um sehr fragile Beziehungen handelt, gehen diese durch die restriktive Handhabung der Besucherzeiten und / oder der geographischen Entfernungen in die Brüche.

Mütter hinter Gittern

Ein auffällig hoher Anteil der inhaftierten Frauen hat Kinder. Laut Fischer-Jehle (14) hatten 1991 etwa 60 % der befragten Frauen Kinder, 15 % von ihnen sogar mehr als vier.
Trotzdem sehen die wenigsten JVAs  die Möglichkeit vor, dass zumindest Kleinstkinder mitbetreut werden. So sind die meisten Kinder auf anderweitige Betreuung angewiesen: Entweder durch den Vater, Verwandte oder durch Fremdunterbringung.

In Bayern werden etwa 90 % aller inhaftierten Frauen in der JVA Aichach untergebracht. (15) Damit die Kinder ihre Mutter dort besuchen können, müssen Angehörige oder Begleitpersonen für relativ kurze Besuchszeiten bereit sein, viel Zeit und Geld zu investieren, da große Entfernungen zurückgelegt werden müssen, z. B. Aichach - Schweinfurt 250, Aschaffenburg 340 oder Bad Reichenhall 200 km. Nicht wenige der Frauen bekommen während ihrer Haftdauer überhaupt keinen Besuch.


IV. Hilfeansätze

Straffälligenhilfe des SkF - geschlechtsspezifischer Hilfeansatz

“Bis in die 80er Jahre gab es kaum ein ambulantes, systematisch ausgebautes Hilfesystem für straffällig geworden Frauen.” (16)
Hier war der SkF der Zeit voraus und leistete Pionierarbeit, da er sich seit seiner Gründung vor über 100 Jahren speziell straffällig gewordener Frauen und Mädchen annahm. Aus dem Prinzip der durchgängigen Betreuung erfuhren diese nicht nur Unterstützung und Hilfe während der Haft, sondern auch später nachgehende Betreuung.

Bereits 1956 weist Elisabeth Zillken nicht nur auf die Notwendigkeit der nachgehenden Betreuung, sondern auch auf ein beachtliches Netzwerk für strafentlassene Menschen hin: “Diese nachgehende Betreuung kann nicht in jedem Falle von dem ausgeübt werden, der als Fürsorger ins Gefängnis kommt. Nicht nur, weil die Gefangenen in der Regel nicht am Orte der Anstalt bleiben, sondern auch wegen der begrenzten menschlichen Leistungsfähigkeit müssen wir viele Helfer einsetzen. ... Unser Adressbuch mit 460 Ortsgruppen ist in Ihrer Hand. Unsere Heime - und wir haben 103 - nehmen auch strafentlassene Mädchen und Frauen auf, die nicht sofort im freien Leben untergebracht werden können - auch vorzeitig Entlassene, die zu langen Strafen verurteilt waren oder zur Sicherungsverwahrung, und deren vorzeitige Entlassung an Bedingungen einer guten Unterbringung geknüpft wurde.” (17)

Prinzipien der Hilfe

Das  Arbeitsprinzip der Straffälligenhilfe des SkF basiert auf der durchgehenden psychosozialen Betreuung, um so die Entwicklung einer vertrauensvollen professionellen Beziehung als Basis für eine Problemaufarbeitung zu ermöglichen.

  • Durchgängige Hilfe
    Die Betreuung während und nach der Haft erstreckt sich nicht nur auf die Hilfe bei Wohnungs- und Arbeitssuche oder die Unterstützung bei der Alltagsbewältigung, z. B. mit Kindern. Das während der Haft aufgebaute Vertrauen ermöglicht es den Mitarbeiterinnen des SkF, darüber hinaus gemeinsam mit den Frauen nicht nur die Tat und die sich daraus ergebenden Konsequenzen, sondern auch die Hintergründe der kriminellen Handlungen zu thematisieren und zu bearbeiten. Bei sich wiederholender Straffälligkeit können sich die Frauen dadurch bereits im Vorfeld des Strafverfahrens vertrauensvoll an die Beratungsstellen wenden. Die fachkompetente Beratung der Betreuerinnen besteht auch darin, im Bedarfsfalle bestehende Netzwerke zu nutzen und gegebenenfalls neue Kooperationen einzugehen.
     
  • Freiwilligkeit
    Die Betroffene entscheidet selbst, ob und gegebenenfalls in welchem Umfang sie vom Beratungs- bzw. Hilfeangebot Gebrauch macht. Sie hat jederzeit die Möglichkeit die Beratung abzubrechen, ohne dass dies für sie negative Konsequenzen hätte.
     
  • Selbstbestimmung
    “Basierend auf dem Leitbild eines selbstbestimmten Menschen mit der Fähigkeit zu Wachstum und Veränderung wollen wir mit praktischen Hilfestellungen und Beratungsangeboten die Selbsthilfekräfte unserer Klientinnen unterstützen und größtmögliche Handlungsautonomie fördern”
    (18)
    Neben dem Eingehen auf individuelle Problem - und Lebenslagen muss die Arbeit “auch geschlechts- spezifische Besonderheiten in ihrem Arbeitsansatz mit einbeziehen, weil zum Rollenbild von Frauen eher Anpassung und passive Konfliktbewältigung gehören.” (19)


V. Neue Wege in der SkF-Straffälligenhilfe

Nach wie vor bleibt das wichtigste Instrument in der Straffälligenhilfe das persönliche Gespräch und die Unterstützung der Frauen in dieser schwierigen und oft einsamen Situation. Neben den regelmäßig abgehaltenen Sprechstunden in den JVAs, den ambulanten Hilfen, dem Angebot von Wohngemeinschaften und der Begleitung durch Ehrenamtliche haben sich einzelne Projekte entwickelt, die als zusätzliches Angebot zu sehen sind.
An folgenden Beispielen wird exemplarisch die Arbeit des SkF dargestellt.

Therapeutisches Reiten

Diese erlebnisorientierte Maßnahme wird vom SkF Köln, für die Resozialisierung von inhaftierten Frauen eingesetzt. Sie findet wöchentlich außerhalb der JVA in einem Reitstall statt. Das Angebot richtet sich speziell an Frauen mit Gewalt- und Drogendelikten. In der Regel handelt es sich um Frauen mit geringem Selbstwertgefühl, die ein fehlendes Gespür für den eigenen Körper bzw. einen gestörten Zugang zur eigenen Gefühlswelt, unzureichende und von Abhängigkeit geprägte Beziehungen und fehlende angemessene Konfliktlösungsstrategien haben.
Ziele, die mit der Methode des “Therapeutischen Reitens” in Zusammenarbeit mit den Frauen angestrebt werden, sind u. a. Vertrauensbildung, Lebensfreude, Abbau von Ängsten, Erhöhung der Frustrationstoleranz. (20)

Entlassungsvorbereitungsprojekt “Frei - Raum”

Inhaftierte Frauen auf ihre Entlassung vorzubereiten, ist das Ziel dieses Projektes des SkF Landesstelle Bayern. Jeweils zwölf Frauen erhalten die Möglichkeit, sich in einem Tagungshaus außerhalb der JVA vier Tage lang intensiv, mit Unterstützung zweier Therapeutinnen, mit ihrer eigenen Biographie auseinanderzusetzen.
Das Projekt richtet sich an Frauen, die wegen unterschiedlichster Delinquenz kurz vor ihrer Entlassung stehen. Ziel ist es, die Frauen dabei zu unterstützen, ihr Lebenskonzept zu überdenken, sich dabei ihrer eigenen Stärken zu vergegenwärtigen und künftig eigenständiger zu handeln.

Neben der kreativen Auseinandersetzung mit dem eigenen Lebensweg steht die Wahrnehmung eigener Bedürfnisse sowie das Erkennen und Beachten der eigenen Grenzen im Vordergrund. (21)

Gemeinnützige Arbeit statt Ersatzfreiheitsstrafe

Unser Strafsystem für Erwachsene sieht die Verurteilung zur Geldstrafe als die mildeste Sanktionsform an. Für sozial und finanziell benachteiligte Menschen machen Geldstrafen, die nach Tagessätzen verhängt werden, keinen Sinn, wenn keine Ressourcen vorhanden sind. Tatsächlich “wird sie (die Geldstrafe) durch die Umwandlung in eine Ersatzfreiheitsstrafe de facto zur strengsten Strafform, vor allem für Frauen, da es wegen der geringeren Zahl von Straftäterinnen kein differenziertes Vollzugssystem gibt wie für Straftäter. Die Frauen unterliegen voll den Bedingungen des geschlossenen Strafvollzuges, ohne die Möglichkeit von Vollzugslockerungen und einer Reststrafaussetzung zur Bewährung zum Halb- oder Zweidrittelzeitpunkt zu erhalten, was beim Vollzug einer Freiheitsstrafe möglich ist.” (22)

Angesichts der mangelnden Relation von der Schwere der Tat zu den sozialen Folgen der Inhaftierung müssen unseres Erachtens viel mehr Alternativen zur Freiheitsstrafe praktiziert werden. Aus diesem Grund setzt sich der SkF seit Jahren für die verstärkte Möglichkeit ein, gemeinnützige Arbeit statt Ersatzfrei- heitsstrafe abzuleisten.
Manche Ortsvereine des SkF bieten hier bereits verstärkt Beratung und Vermittlung an.


VI. Ausblick für frauenspezifische Straffälligenhilfe

Entsprechend der weiblichen Deliktstruktur beträgt die Verweildauer der Frauen in der JVA durchschnittlich nicht länger als 9 Monate. In Anbetracht der Tatsache, mit welch weitreichenden Konsequenzen eine Inhaftierung verbunden ist, wird der SkF immer wieder Alternativen zur Haft, wie z.B. gemeinnützige Arbeit statt Ersatzfreiheitsstrafe, Täter-Opfer-Ausgleich, etc. fordern. Auch Geldstrafen auf Bewährung wären vorstellbar.

Für die weiterhin in Haft einsitzenden Frauen muss der geschlechtsspezifischen Sozialisation in der täglichen Arbeit wesentlich mehr Rechnung getragen werden. Gerade der autoaggressive Rückzug, diverse Formen der “stillen” Sucht sowie die wohl weiblichste Suchtform - die Magersucht - werden als Hilfesignale oft übersehen.

Der SkF hat in den letzten hundert Jahren dem sich ändernden Frauenbild und den gesellschaftlichen Problemlagen in seiner Arbeit und in seinen Konzepten zur Straf-fälligenhilfe Rechnung getragen. Angesichts der weiterhin bestehenden Aktualität ist davon auszugehen, dass die Straffälligenhilfe ein weites Betätigungsfeld, auch für das nächste Jahrhundert, sein wird.

Der SkF setzt sich in der öffentlichen Diskussion und in Fachgremien dafür ein,  dass die besondere Problematik  straffällig gewordener und inhaftierter Frauen thematisiert und berücksichtigt wird.


VII. Forderungen

Aus unseren Erfahrungen ergeben sich folgende Forderungen:

  • Ausbau therapeutische Angebote für inhaftierte Frauen
  • Intensivierung von Beschäftigungs- und Arbeitsmöglichkeiten für Frauen im Gefängnis
  • Verbesserte Vorbereitung auf die Zeit nach der Entlassung
  • Finanzielle Unterstützung der öffentlichen und freien Träger, die die  Ableistung von Strafen durch gemeinnützige Arbeit ermöglichen
  • Schaffung von geeignetem finanzierbaren Wohnraum
  • Heimatnahe Unterbringung von Inhaftierten zur Erhaltung familiärer Bindungen sowie der Beziehung zu Betreuungspersonen / Berücksichtigung sozialer Kontakte
  • Erhaltung und Ausbau von Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen / Hilfe zur Arbeit
  • Erweiterung des Ausbildungsangebotes und der –möglichkeiten, besonders für junge Haftentlassene
  • Ausbau ambulanter Drogenhilfe und niedrigschwelliger stationärer geschlechtsspezifischer Einrichtungen, speziell auch für Mütter und deren Kinder
  • Ausbau und Finanzierung der Straffälligenhilfe bei freien Trägern


(1) Der SkF Köln weist auf eine auffällige Zunahme von inhaftierten jungen Mädchen hin.
(2) von den Driesch Danielle und Kawamura Gabriele: “Straffällige Frauen - Lebenslagen und Hilfsangebote” in Neue Kriminalpolitik 1/1995
(3) Der SkF Köln weist auf eine auffällige Zunahme von inhaftierten jungen Mädchen hin.
(4) Dünkel Frieder: Empirische Beiträge und Materialien zum Strafvollzug. Bestandsaufnahme zum Strafvollzug in Schleswig - Holstein und des Frauenvollzugs in Berlin, Freiburg 1992; St.373
(5) Tatsächlich sitzen sehr viele Frauen eine weit kürzere Zeit ab, die durchschnittliche Haftdauer wird durch einige wenige längere Haftstrafen verändert.
(6) SkF Landesstelle Bayern, Sachbericht 1999, Zuweisung von Haushaltsmitteln zur Ausreichung an Haftentlassene und Gefangene im Rahmen der Vorbereitung der Entlassung über Einrichtungen in der Strafentlassenenhilfe, München.
(7) Enders-Dragässer Uta; Sellach, Brigitte in “Frauen ohne Wohnung”,Handbuch für Wohnungslosenhilfe für Frauen - Stuttgart.Berlin, Köln 2000; Schriftenreihe des Bundesmin. für Familien, Senioren, Frauen und Jugend
(8) Kellinghaus Ch., Eikelmann B., Ohrmann P., Reker T.: Wohnungslos und psychisch krank – Über blick über den Forschungsstand und eigene Ergebnisse zu einer doppelt benachteiligten Randgruppe in der Reihe “Materialien zur Wohnungslosenhilfe” Heft 43, München 1999
(9) So auch: Schwan Gertrud, SkF München : Frauenspezifische Wohnungslosenhilfe; Referat bei der Fachtagung Wohnungslosenhilfe, Bergisch-Gladbach 1998
(10) Belint Christa: Referat bei der Fachtagung  zum geschlechtsspezifischen Ansatz in der Suchtarbeit “Sucht - der KLEINE Unterschied”, München 1999.
(11) BAG - S; Straffälligenhilfebericht 1997/98; Straffällig gewordene Frauen - Lebenslagen und Hilfeangebote, Bonn 1998  
(12) Kawamura Gabrielle: ”Frauenstrafvollzug in Deutschland” in Sozialmagazin 5/2000
(13) Heimath Annette, SkF Zentrale, Dortmund: “Konzeption des Straffälligenhilfe des Sozialdienst kath. Frauen”; 1990
(14) Fischer-Jehle Petra; Frauen im Strafvollzug. Eine empirische Untersuchung über Lebensentwick lung und Delinquenenz strafgefangener Frauen, Bonn 1991
(15) Das Bild wird vollständiger wenn man weiß, dass es in Aichach nur 10 Plätze für Mütter mit  ihren Kleinkindern gibt.
(16) v. d.Driesch Danielle/ Kawamura Gabrielle: “Straffällige Frauen - Lebenslagen und Hilfsangebote”  in Neue Kriminalpolitik 1/1995
(17) Zillken Elisabeth, SkF Zentrale, Dortmund “Unsere Arbeit in der Strafanstalt als Hilfe und Ergänzung des Seelsorgers”, Vortrag bei der Jahrestagung der kath. Strafanstaltspfarrer in Aachen 1956 in “Der Wegweiser” Kleinschriften der KAG – S.
(18) Marbach-Kliem Bärbel, SkF Augsburg ”Beratungsstelle für straffällig gewordene Frauen mit Übergangswohngemeinschaft” in BAG - S , Straffälligenhilfebericht 1997/1998 Straffällig gewordene Frauen - Lebenslagen und Hilfeangebote
(19) Marbach-Kliem, Bärbel: eben da
(20) Balzar Karoline, SkF Köln: Kurzbeschreibung des Projektes, November 2000.
(21) Halbhuber-Gassner Lydia, SkF Landesstelle Bayern: Bericht bei der Pressekonferenz zum Internationalen Tag der Menschenrechte am 09.12.1999; München
(22) Schuhbauer, Gisela, SkF München: “Projektbeschreibung: Haftvermeidung bei Geldstrafen für Frauen - Beratung und Vermittlung gemeinnütziger Arbeit”; November 1999


Dortmund / München, November 2001

Lydia Halbhuber-Gassner, Landesstelle Bayern
(Vertretung der Straffälligenhilfe auf Bundesebene für den SkF – Zentrale)

Bärbel Marbach-Kliem, SkF Augsburg

Karoline Balzar, SkF Köln

Martha Piel, SkF Mainz

Gabriele Studinski,
SkF-Zentrale, Dortmund

Herausgegeben vom Sozialdienst katholischer Frauen – Zentrale


nach Beratung und Hilfe – Straffälligenhilfe

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